Warum dein Körper nicht verspannt ist, sondern etwas festhält

Manuela Ritzert
von Manuela Ritzert
19. März 2026
Warum dein Körper nicht verspannt ist, sondern etwas festhält

Kennst du das? Du organisierst, regelst, kümmerst dich, ja, du funktionierst, auch wenn es Spaß macht. Vielleicht trägst du auch einiges an Verantwortung auf deinen Schultern.

Dein Körper hat die eine oder andere Baustelle, er meldet sich. Der Nacken zieht. Die Schultern fühlen sich an, als würden sie das halbe Leben tragen. Der Rücken schwer, das Knie piekst ab und zu und diese Müdigkeit, die sitzt tiefer, als ein Schlafmangel erklären könnte.

Dann sagen wir schnell: „Ich bin gerade ziemlich verspannt, gestresst, es ist zu viel.“

Aber, vielleicht stimmt das nur zur Hälfte. Was, wenn das nur die Oberfläche ist?


Wir sind nicht einfach verspannt, wir halten fest

Mehr, als wir wissen. Und meistens, ohne es zu merken.

Da ist die ständige Kontrolle, weil es uns eben doch sehr schwerfällt, Dingen einfach so ihren Lauf zu lassen, Vertrauen zu haben ins große Ganze. Da sind die Widerstände, gegen alles, was doch nicht so läuft, wie wir es gerne hätten und die Menschen, die eben alle einzigartig sind und es auch sein dürfen.

Da sind die Gefühle, die gerade keinen Platz haben und auch manchmal einfach übermächtig wären, würden wir sie zulassen. Die Enttäuschungen, die wir uns nicht eingestehen. Die Gedanken, die immer wiederkehren. Die Worte, die wir runterschlucken.

Wir halten Tränen zurück. Wut. Sehnsucht. Manchmal sogar unsere eigene Wahrheit. Die, die wir noch nicht aussprechen können. Nicht, weil wir das wollen. Sondern weil wir gelernt haben, stark zu sein. Zu funktionieren. Weiterzumachen.

Aber statt zu fühlen, kontrollieren wir. Statt ehrlich zu sein, funktionieren wir. Statt loszulassen, spannen wir uns innerlich an.

Nicht bewusst, sondern aus Gewohnheit und als Schutz. Und der Körper macht mit.


Wie wir gelernt haben, nicht zu fühlen

Ein Kind hat damit kein Problem. Es ärgert sich wirklich. Es ist traurig und lässt die Traurigkeit durch sich hindurch. Kein Widerstand, keine Strategie.

Wir Erwachsenen dagegen werden unruhig, wenn ein Kind das tut. Wir setzen alles daran, diesen Zustand so schnell wie möglich zu beenden. Vom ungeduldigen „Jetzt ist aber wieder gut!“ über das ablenkende „Schau mal, was ich hier habe!“ bis zum „Hör jetzt endlich auf!“ Wir machen dem Kind damit deutlich, dass sein Verhalten stört oder falsch ist.

Nicht, weil wir böse Menschen sind. Sondern weil auch wir irgendwann gelernt haben: Diese Gefühle gehören nicht hierher. Wir haben uns, Schritt für Schritt, abgewöhnt zu fühlen.

Und was nicht gefühlt wird, geht nicht weg.

Es bleibt. Als Anspannung. Als Enge. Als dieses diffuse Gefühl, dass irgendetwas lastet, ohne dass du genau sagen könntest, was.


Vielleicht kennst du diese inneren Sätze:

„Ich muss das im Griff haben.“ „Ich darf jetzt nicht schwach sein.“ „So schlimm ist es doch gar nicht.“ „Ich krieg das schon hin.“

Das klingt stark. Ist aber oft pure Anspannung.


Was da wirklich drinsteckt

Kontrolle braucht Kraft. Unterdrückung braucht Kraft. Funktionieren braucht Kraft. Und diese Kraft kommt irgendwo her. Aus dir. Immer wieder.

Anspannung ist selten nur Muskel. Sie ist meistens innerer Widerstand.

Gegen eine Situation, die sich nicht ändern lässt. Gegen ein Gefühl, das du lieber nicht hättest. Gegen eine Wahrheit, die unbequem ist. Oder gegen dich selbst.

Wir kämpfen innerlich und wundern uns, warum es sich eng anfühlt.

Vielleicht ist dein Rücken nicht einfach verspannt. Vielleicht hält er gerade etwas für dich.


Was Fühlen mit Loslassen zu tun hat

Der erste Schritt ist nicht Dehnen. Nicht Massieren. Nicht Optimieren.

Der erste Schritt ist Klarheit. Wo halte ich gerade fest? Was will ich nicht fühlen? Wogegen bin ich innerlich im Widerstand?

Und dann das, was sich so einfach anhört und doch so selten passiert: Es darf da sein.

Traurigkeit darf da sein. Wut darf da sein. Überforderung darf da sein. Sehnsucht darf da sein.

In dem Moment, in dem etwas wirklich da sein darf, muss es nicht mehr festgehalten werden. Dann entsteht Raum. Im Körper. Im Herzen. Im Atem.

Freiheit bedeutet nicht, dass alles leicht ist. Freiheit bedeutet: Ich darf fühlen, was da ist und ich muss es nicht wegmachen.

Leichtigkeit ist kein Ziel, das wir erreichen. Sie ist eine Folge. Sie passiert, wenn der Widerstand weicher wird. Wenn wir weniger kontrollieren. Wenn wir uns erlauben zu sein.

Festhalten macht eng. Sein lassen macht weit.


Yoga ist für mich genau dieser Weg

Nicht die Frage: Wie weit komme ich in der Vorwärtsbeuge?

Sondern: Was nehme ich gerade wahr? Was ist da? Im Körper, in den Gefühlen, in diesem Moment?

Yoga bringt uns raus aus dem Kopf. Nicht durch Ablenkung, sondern durch wirkliches Hinspüren. Und in diesem Hinspüren da beginnt etwas. Etwas, das größer ist als eine Übung. Eine Begegnung mit dir selbst.

Denn ich glaube: Wir sind hier, um unserer Seele Ausdruck zu geben. Um zu fühlen, zu wachsen, lebendig zu sein. Nicht um zu funktionieren, bis der Körper streikt.

Und manchmal braucht es nur einen Atemzug, eine Geste der Ehrlichkeit, ein leises „es darf da sein“, um wieder ein kleines bisschen weiter zu werden.


Eine kleine Übung für dich

Nimm dir ein paar Minuten. Wirklich nur für dich.

Setz dich hin. Schließe kurz die Augen. Atme einmal bewusst ein und aus. Dann frage dich:


Wo in meinem Körper spüre ich gerade Spannung?

Was halte ich dort vielleicht fest?

Gegen was kämpfe ich innerlich gerade?

Was würde passieren, wenn ich für einen Moment aufhöre, es wegmachen zu wollen?


Leg eine Hand auf die Stelle, die sich meldet. Nicht um sie zu verändern. Nur um da zu sein.

Und dann sag dir diesen einen Satz: „Es darf da sein.“

Mehr nicht. Beobachte, was passiert. Ganz ohne Erwartung.


Vielleicht geht es nicht darum, noch mehr zu optimieren. Sondern ehrlicher zu werden. Mit dem, was gerade in dir lebt.

Denn manchmal ist der erste Schritt in Richtung Leichtigkeit nicht, etwas loszuwerden. Sondern aufzuhören, es festzuhalten.

Wenn du magst, nimm dieses Gefühl von Weite mit in deinen Alltag. Und beobachte, was sich verändert.


Ich freue mich, wenn du deine Gedanken mit mir teilst, per Kommentar, Nachricht oder einfach beim nächsten Mal im Raum.

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